Die Eingangstür von Unternehmen für gesellschaftliche Erwartungen am Kotti

Die Eingangstür von Unternehmen für gesellschaftliche Erwartungen am Kotti

 

 

Was ist Corporate Social Responsibility (CSR) und welche Bedeutung hat CSR für den Kotti?

 

CSR beschreibt die Verantwortung für Mensch, Umwelt, Gemeinwesen und Markt, die mit der Führung von Unternehmen einhergeht. Unternehmen müssen aus ökonomischer Logik heraus Gewinne erzielen, damit sie überleben, weiterhin Produkte und Dienstleistungen anbieten, ihre Mitarbeiter*innen beschäftigen und Miete und Steuern bezahlen können. Aber damit ist Ökonomie noch nicht am Ende. Denn wie nachhaltig und verantwortungsvoll ist es, wenn das Geschäftsmodell auf Kosten heutiger und kommender Generationen beruht? Wie fair und ethisch vertretbar sind eigene Gewinne, wenn sie zu Lasten von anderswo gehen – ob nun in unmittelbarer Nachbarschaft am Kotti oder in wirtschaftlich ausgebeuteten Regionen weltweit? Als „Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ beschreibt die EU-Kommission das politische Konzept der CSR und sieht in der Kommunikation und den Wechselwirkungen mit den internen und externen Anspruchsgruppen (Stakeholdern) den Hebel für eine ganzheitliche Unternehmensführung. So zeigt sich auch die Bedeutung von CSR für den Kotti unmittelbar an einem gesunden Miteinander, wenn solchen Inhaber*innen und Mitarbeiter*innen, die mit ihren Geschäften, gastronomischen Betrieben, Praxen, Büros und sonstigen unternehmerischen Angeboten zu einem menschlichen und liebenswerten Stadtraum beitragen, Respekt und Wertschätzung entgegengebracht wird.

 

 

Warum wird gerade jetzt am Kotti über CSR diskutiert?

 

 

CSR setzen viele mit Nachhaltigkeit gleich und Nachhaltigkeit wiederum mit Klimaschutz, „bio“ oder „vegan“. Die Frage nach Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit führt einerseits leider oft ins Uferlose und bleibt andererseits oft in Partikularinteressen stecken… CSR ist der Beitrag, den Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten. Bildlich übersetzt ist CSR die Eingangstür im Unternehmen für zahlreiche gesellschaftliche Trends und Erwartungen. Wir erleben derzeit in Berlin und in Kommunen weltweit eine Anbindung an die 17 Globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals / SDGs), welche die Vereinten Nationen als Weltzukunftsvertrag und „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet haben. Dieser Zielkatalog von Nachhaltigkeit umfasst die großen Schieflagen unserer Zeit, die es nachhaltig auszubalancieren gilt – von sozialen Ungleichheiten bis hin zu Klimaschutz und Frieden. Die UN-Agenda fordert dazu ein Zusammenwirken aller Akteur*innen auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene. Das klingt vielleicht groß für einen kleinen Stadtraum wie den Kotti, aber wird mit der Haltung „Denke global und handle lokal“ greifbar. Wo, wenn nicht im Kleinen beginnt und bewährt sich ein Konzept wie das einer nachhaltigen Entwicklung? Der Kotti hat durch die ausgeprägte Vielfalt seiner Bewohner*innen, Unternehmer*innen und weiteren Akteur*innen einen besonders reichen Erfahrungsschatz, wenn es um Zusammenarbeit auch in Problemfeldern und überhaupt um Zusammenhalt geht. Hier steht ein Fundament für Nachhaltigkeit und lebendige Verantwortungskulturen. Doch CSR-Maßnahmen können auch nach hinten losgehen, gerade wenn Kleinstunternehmen von außen einfach mit zusätzlichen Verantwortungsansprüchen und Aufgaben im Gemeinwesen überfrachtet werden. Wichtig ist vielmehr ein passendes Gesamtkonzept und das sollte nicht für die Unternehmen in einem Stadtraum sondern von den Unternehmen selbst entwickelt werden. Für CSR braucht jedes Unternehmen zunächst sein eigenes Konzept, denn die Kernthemen von CSR prägen sich in verschiedenen Branchen stark unterschiedlich aus. Jedes einzelne CSR-Konzept sollte dann vitale Schnittstellen zu einem Gesamtkonzept für Unternehmensverantwortung im Kiez aufweisen.

 

 

Welche praktischen Beispiele für CSR finden sich am Kotti?

 

 

Am Kotti prägen zahlreiche familiengeführte und kleine Unternehmen das bunte Stadtbild und sind dabei selbst ein ganz entscheidender Baustein für eine weltoffene und tolerante Atmosphäre, die auch in Berlin ihresgleichen sucht. Dieses Gefühl der „ganzen Welt an einem Ort“ ist aber nicht ohne zwischenmenschliche, unternehmerische und ökologische Zielkonflikte zu haben. Somit sind für mich solche Beispiele von CSR am Kotti besonders interessant, bei denen sich die eigenen Interessen, Ausrichtungen und ökonomischen Möglichkeiten von Unternehmen nicht rein egoistisch sondern gemeinwohlorientiert ausprägen. Ich finde es weniger interessant, wie viele Nachhaltigkeitssiegel, -labels oder -berichte ein Unternehmen nachweisen kann, sondern ob es sich bewusst wird, in welcher Nachbarschaft und kulturellen Mischung es aktiv ist oder auch neu dazukommt. Beschäftigt ein Unternehmen beispielsweise Mitarbeiter*innen direkt aus der Nachbarschaft und öffnet sich Themen wie beispielsweise Armut, Sucht, Sexismus oder Intoleranz, die auch am Kotti eine Rolle spielen? Sieht ein Unternehmen neben Umsatz und Rendite auch einen ganz eigenen gesellschaftlichen Zweck für seine Nachbarschaft? Hat ein Unternehmen eine Vorstellung davon, was und wie es zu welcher gesellschaftlichen Entwicklung am Kotti in fünf und in zehn Jahren beigetragen haben will?

 

 

Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung betrifft aber nicht nur die Unternehmen, die auf den ersten Blick in einem Stadtraum sichtbar sind. Am Kotti kommt den Projektentwicklungsgesellschaften, Investoren und Landesunternehmen eine besonders sensible Rolle in Sachen eigener CSR-Politik zu. Hier ist die Macht besonders groß und damit auch die Verantwortung, was beispielweise Vermietung von Gewerberäumen im Bereich Nahversorgung, Bildung und Gesundheit, Kultur und Kunst, Soziales und Nachbarbarschaft und insbesondere die Miethöhe betrifft. Wo Konzern- und Politikstrukturen herrschen, darf und muss CSR auch intensiv von allen Stakeholdern gefordert und mitgestaltet werden. Das landeseigene Wohnungsunternehmen Gewobag beispielsweise steht dem Kotti gegenüber im Sinne von CSR in einer maßgeblichen Verantwortungsrolle. Der Erwerb des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) auf der Nordseite des Kotti durch die Gewobag vollzog sich erst im Jahr 2016, so dass sich mittel- und langfristig noch erweisen muss, wie ernsthaft und professionell CSR durch das Landesunternehmen wahrgenommen wird. Der Berliner Senat verpflichtet derzeit sämtliche Landesunternehmen, sich künftig immer mehr am eigenen Stakeholder-Involvement und Nachhaltigkeitsmanagement messen zu lassen. Also ist der Zeitpunkt sicherlich jetzt der Beste, um CSR und Nachhaltigkeit am Kotti mit gemeinsamen Kräften ins Rollen und nachhaltig zum Tragen zu bringen!

 

 

 Quellen und weiterführende Literatur

 

 

CSR-Strategie der Bundesregierung

 

https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975274/318158/c521116c6e6659b26d5ff286ff67408c/2010-12-07-aktionsplan-csr-data.pdf?download=1

 

 

CSR-Strategie der EU

 

http://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2011/DE/1-2011-681-DE-F1-1.Pdf

 

 

 UN-Agenda 2030 – Sustainable Development Goals / SDGs

 

https://www.un.org/Depts/german/gv-70/band1/ar70001.pdf

 

 

Wolfgang Keck (2017): CSR und Kleinstunternehmen. Die Basis bewegt sich!

 

https://www.springer.com/de/book/9783662536278

 

 

Niko Paech (2012): Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie

 

https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/befreiung-vom-ueberfluss.html

 

 

Matthias Schmidt (2016): Reichweite und Grenzen unternehmerischer Verantwortung

 

https://www.springer.com/de/book/9783658136376

 

 

Autor:

Wolfgang Keck

keck@keck-kommuniziert.de